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Mahaprabhuji besucht die Schule

Zu jener Zeit, als Indien unter britischer Verwaltung stand, besaßen die Dörfer keine Schulen, und es war für die Dorfbewohner äußerst schwierig, eine geordnete Bildung zu erlangen. Meist waren es die Pandit[1] , welche den Kindern das Lesen und Schreiben beibrachten. Durch einen solchen gelehrten Mann sollte gemäß dem Wunsche seiner Eltern auch Mahaprabhuji unterrichtet werden, als er das fünfte Lebensjahr vollendet hatte.

Der Pandit nahm sich des Jungen in sehr freundlicher Weise an und begann mit dem Unterricht, indem er auf eine Tafel die ersten beiden Buchstaben des Devanagrik[2] a und â schrieb. Sodann erklärte er seinem Schüler Aussprache und Schreibweise der beiden Vokale und wies ihn an, dies zu wiederholen.

Mahaprabhuji betrachtete aufmerksam die Schriftzeichen, um die folgenden Fragen an den Pandit zu richten:

"Sage mir bitte, welches a von beiden zuerst da war; woraus dies erstere entstand und wie es sich fortentwickelte. Welche ist die Form des Lautes a? Und woher stammt seine Schreibweise? Warum überhaupt steht es an erster Stelle des Alphabets? Wenn du mir diese Fragen beantwortet hast, habe ich auch noch einige weitere."

Diese Worte aus dem Munde eines Kindes versetzten den Lehrer in großes Erstaunen, und er antwortete:

"Die Grammatik des Devanagrik lehrt, daß es Tradition ist, die Schriftzeichen in der vorgeschriebenen Weise zu schreiben, auszusprechen und zu ordnen. Mehr ist dazu nicht zu sagen."

Daraufhin sprach Mahaprabhuji:

"Gütiger Herr, wenn du erlaubst, so will ich es dir erklären."

Aus tiefster Weisheit legte er nun die Geheimnisse von Entstehen, Bestehen und Vergehen des Kosmos dar. Er erläuterte die Verbundenheit dieser Urvorgänge mit den drei Gottheiten - Brahma, Vishnu und Mahesh, den drei Gunas - Sattva, Rajas und Tamas - und den drei zeitlichen Dimensionen - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft -, und wie all dies den drei Matras[3] innewohnt, aus welchen der Laut a sich zusammensetzt.

Der Pandit fühlte, wie sein inneres Selbst durch die Worte des göttlichen Kindes von unausprechlicher Glückseligkeit erfüllt war, und Tränen der Freude traten in seine Augen. Sich vor Mahaprabhuji verneigend pries er ihn voll innerer Bewegung:

"Oh Ozean der Gnade, heute offenbarte sich mir durch Dich das wahre Wissen über Brahman. Du hast mich unendlich glücklich gemacht! Herr, bitte segne mich und gewähre mir diese Erfüllung auch in all meinen zukünftigen Leben.

Du bist der unergründliche Ozean des Wissens von Gott und der Wirklichkeit. Den Menschen die Wahrheit zu künden, kamst Du auf die Erde. Wer dank Deiner Gnade Erleuchtung erhält, hat nichts mehr zu befürchten. Du bist der Heilsbringer, der Wohltäter der Menschheit, einzigartig in den drei Welten, der wahre Meister ohnegleichen, vor dem alle irdische Gelehrsamkeit nur Bettel ist.

Augenblicklich schenkst Du Deinem Ergebenen allen Reichtum der Welt. Oh Herr, habe ich doch die Veden, Vedanta, Sanskrit, Vyakaran, Tarka Shastra[4] und andere Wissenschaften studiert. Las ich doch zahllose religiöse Schriften. Übertraf ich doch in Diskursen über die Shastras so manche bedeutende Gelehrte, Meister ihres Fachs, auch Swamis und Acharyas[5]. Zu Deinen Füßen jedoch ergebe ich mich. Mein Ego - Frucht der Maya der Gelehrsamkeit - schmolz im alles erhellenden Strahl Deiner vom Nektar durchtränkten Worte dahin. Furchtlosigkeit und Gleichmut habe ich erlangt. Nie zuvor erfuhr ich solche Seligkeit.

Aus Verblendung hatte ich mich selbst als Erleuchteten betrachtet und war doch nur Sklave von Unwissenheit und Sinneslust gewesen. Diese allerdings pflegte ich als naturgegebene Eigenschaften von Geist und Sinnen zu deuten, indem ich mich in der Rolle des unberührten Zeugen dieses Schauspiels wähnte. Eitelkeit und falsches Egodenken verblendeten mich, verdunkelten meinen Geist; nur mich selbst anerkannte ich als Autorität. Welch maßloser Irrtum! Denn heute habe ich die Wahrheit erfahren!

Oh mein Meister, Höchstes Selbst! Das wertvollste Geschenk in den drei Welten ist Selbstverwirklichung, die ich heute von Dir empfing!"

Mahaprabhuji antwortete:

"Nichts gehört dir. Halte fest an der Wahrheit und besinne dich auf Gott!"

Auch die mitanwesenden Schüler waren von Mahaprabhujis Weisheit tief ergriffen, und sie baten ihn:

"Herr, verleihe auch uns dieses Wissen. Befreie uns aus der Unwissenheit und nimm uns als Deine Schüler an. Mache uns und alle Menschen zu Anhängern der Wahrheit, oh Beschützer des Dharma!"

Mahaprabhuji entsprach ihrer aufrichtigen Bitte und lehrte sie:

"Meine lieben Kameraden. Ein Schüler führt ein Leben in Disziplin und Strenge. Lernen ist nichts anderes als Askese, an deren Mündung den Strebenden unerschöpfliche Freude und der Ausblick auf eine große Zukunft erwartet. Die Studierenden sollen es sich zu ihrer Pflicht machen, ihrem Land, der Gesellschaft und der ganzen Menschheit zu dienen. Das höchste Dharma ist der Dienst an allen Lebewesen. Gott selbst wog die Bedeutung von Moksha und Seva[6] und sah, daß letzteres größeres Gewicht hat. Daher verzichtete Er auf seine unumschränkte Freiheit und inkarnierte vierundzwanzigmal auf Erden, um den Armen und Bedürftigen zu dienen und zu helfen. Sonne, Mond und Sterne, ebenso Erde, Wasser, Luft und Feuer - in ihnen allen symbolisiert sich das Dienen an anderen. Der einzige Zweck meines Lebens ist der Dienst am Universum, und im Dienen liegt die Erfüllung jedes menschlichen Lebens.

Brahma, Vishnu, Mahesh, Rama, Krishna, Buddha, Jesus und alle Heiligen - in ihrer Kindheit waren sie Schüler wie ihr. Sie wurden groß durch ihre Tugend des Lernens, denn durch rechtes Studium verschwindet Avidya[7].

Folgende Regeln sollt ihr beherzigen:

Ehret euren Meister als Symbol der göttlichen Weisheit und

Quell des Wissens und befolgt stets seine Anweisungen.

Begegnet euren Eltern immerzu in Respekt und Höflichkeit.

Konzentriert euch auf euer Studium.

Seid stets pünktlich.

Folgt dem Unterricht in Aufmerksamkeit und lernt täglich

Neues dazu.

Achtet und liebt eure Schulkameraden.

Beleidigt niemanden.

Seid stets auf gutes Benehmen bedacht.

Nehmt euch die Tugenden anderer zum Beispiel.

Seid stets liebenswürdig zu allen.

Sucht gute Gesellschaft und meidet schlechten Umgang.

Bleibt unerschütterlich fest auf dem Weg der Wahrheit

und haltet euch immerzu an das Gute.

Seid beständig im Üben von Asanas und Pranayamas[8].

Dadurch werdet ihr in Körper, Geist und Verstand vollkommene Harmonie bewahren. Der Körper ist das unverzichtbare Werkzeug für die Erfüllung der vier Purushartha: Dharma, Artha, Kama und Moksha[9]. Dies ist der Grund, weshalb ihr immer auf die Erhaltung eurer Gesundheit achten sollt.

Eurem Land sollt ihr dienen und eure Muttersprache in Ehren halten. Zum Wohle der ganzen Menschheit möget ihr das Licht des Friedens und des göttlichen Wissens verbreiten."

Ernsthaft und konzentriert folgten die Schüler Mahaprabhujis Worten. Dankbar nahmen sie seine Lehre an und versprachen, ohne Unterlaß dem Weg zu folgen, den er ihnen gewiesen hatte.

Nun verneigte sich Mahaprabhuji respektvoll vor dem Pandit und sprach:

"Du sagst, daß es hier für mich nichts mehr zu lernen gibt; so werde ich also nach Hause zurückkehren und die Kühe meines Dorfes hüten. Großer Segen liegt darin, der Kühe Diener zu sein, die uns Müttern gleich ihre Milch schenken."

Mahaprabhuji verabschiedete sich und kehrte mit seinen Eltern nach Hari Vasani zurück.

 

Er führte jetzt täglich die Kühe auf die Weide, und einzigartig war auch seine Art sie zu hüten.

 Es begann jedesmal damit, daß er sich in aller Frühe vor das Dorf begab, um, indem er sich im Lotussitz niedergelassen, laut und voll Wohlklang OM zu singen. Angezogen vom diesem wunderbaren Ton versammelten sich in Kürze alle Kühe des Dorfes um ihn. Welch Wunder war diese Szene! Liebevoll leckten die Kühe Mahaprabhujis Füße, und er streichelte sie zärtlich und verströmte seine allumfassende Liebe über sie.

Darauf verließ er diesen Ort mit seiner gesamten Gefolgschaft. Die Kühe ließen das Getreide der Felder, an denen sie unterwegs vorbeikamen, unberührt und fraßen nur von jenen Weiden, zu denen Mahaprabhuji sie führte. Zuweilen kam es wohl vor, daß einige Kühe auf dem Weg bei einem Getreidefeld verweilten und  einige Halme fraßen.

Beschwerte sich dann der Bauer, dem das Feld gehörte, über die Minderung seiner Ernte, so fragte ihn Mahaprabhuji lächelnd, wie hoch er den Verlust denn wohl einschätze.

Nannte der Bauer nun irgendeine Zahl, so lachte Mahaprabhujis wieder und versicherte ihm, sein Ertrag würde trotz des angeblichen Schadens weitaus reichlicher ausfallen als er erwarte; wenn nicht, wolle er selbst für den Ausfall aufkommen. Die Ernte auf diesen Feldern war dann auch immer besonders ergiebig, und die Bauern staunten ob dieser Wundertaten. Sie mutmaßten, Mahaprabhuji sei Narayan - also Gott Vishnu selbst. Plötzlich wünschte nunmehr jeder der Bauern, Mahaprabhuji möge sein Feld als Weideplatz für die Kühe auswählen. Manche bedrängten ihn gar, ihre Felder aufzusuchen. Mahaprabhuji jedoch führte die Kühe weiterhin zu jenen Stätten, die er für sie gemäß seinem göttlichen Willen für den betreffenden Tag ausersehen hatte.



[1]Pandit = Priester, Sanskritgelehrter

[2]Devanagrik = Hindi-Alphabet 

[3]Matra ="Maß"; Zeit- oder Maßeinheit; Dauer der Aussprache eines Vokales: Ein kurzer Vokal benötigt ein Matra, ein langer zwei, ein sog. "gestreckter" Vokal drei Matras.

[4]Vyakaran = Grammatik, Tarka = Logik, Shastra = Philosophie, religiöses Schrifttum

[5]Acharya = Lehrer

[6]Moksha = Befreiung; Seva = Dienen

[7]Avidya = Unwissenheit

[8]Asanas = Yoga-Körperübungen; Pranayamas = Kontrolle des Atems, Yoga-Atemübungen

[9]Die vier Purushartha sind die grundlegenden Aufgaben und Ziele des menschlichen Lebens: Dharma = Pflicht, Artha = Wohlstand, Kama = Taten, Moksha = Befreiung.

 

Nächstes Kapitel: Belehrung eines Räubers

Vorheriges Kapitel: Mahaprabhujis Kindheit

Überblick: Die Inkarnation des Göttlichen Selbst OM VISHWA DEEP in Gestalt von Sri Mahaprabhuji

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