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Sri Swami Shivananda

In der Ortschaft Choti Khatu im Bezirk Nagaur (Rajasthan) lebte Thakur Sri Balvant Singhji Jodha Rajput. Er hatte nur einen Sohn, Sri Savai Singhji, ein tapferer und charaktervoller junger Mann, der, als er Mahaprabhuji begegnete, von da an ein treuer und regelmäßiger Besucher des Ashrams wurde.

Es stimmt, daß jeder in seiner Entwicklung durch seine Umgebung geprägt wird: Schließt er sich Drogensüchtigen an, so wird auch er wahrscheinlich bald dieser Sucht verfallen, pflegt er hingegen Umgang mit heiligen Männern, so wird seine Spiritualität sich entwickeln und gedeihen können. In der Anwesenheit eines Heiligen ereignen sich die wunderbarsten Dinge. Die spirituelle Erweckung vollzieht sich durchaus nach eigenen Gesetzen, indem Befreiung Befreiung hervorbringt. Alle verborgenen Kräfte des Schülers werden durch die Gnade des Meisters erweckt.

Noch etwas möchte ich voranschicken: Angenommen, einer von euch hätte den sagenhaften Paras[1], gefunden, der die Verwandlung von Eisen zu Gold bewirkt. Nun berührt er damit ein Eisenstück - doch nichts geschieht. Daraus kann er zwei Schlüsse ableiten: entweder ist der Stein nicht echt, oder aber die Berührung wurde nicht richtig vollzogen. Nicht anders verhält es sich beim Zusammentreffen mit einem Meister. Erhältst du keine Erleuchtung, so ist entweder der Meister nicht vollkommen verwirklicht, also kein wahrer Meister, oder es existieren noch Schranken und Zweifel in deinem Innern, die den echten Kontakt unterbinden. Von niemandem wird blinder Glaube verlangt. Arbeite an dir, bete, denke nach, meditiere und reinige dich unablässig, und dann sieh, was geschieht.

Infolge seiner Tugenden und guten Taten führten Sri Savai Singhjis Schritte zu Mahaprabhuji. Des göttlichen Meisters Ausstrahlung drang so tief in sein Herz, daß dieses sich ganz unmittelbar der grenzenlosen Liebe öffnete und dadurch die spirituellen Kräfte in ihm erweckt wurden. Er sah die Vergänglichkeit dieser Welt und wandte all seine Liebe und sein Streben dem Ewigen zu.

Er sehnte sich danach, das Unwandelbare, das Göttliche zu erfahren. Weltliche Vergnügungen bedeuteten ihm nichts mehr, und er kannte nur noch den einen Wunsch nach der Einheit mit dem Höchsten.

Sri Savai Singhji erklärte daher seinen Eltern demütig, doch bestimmt:

"Ich werde nicht länger bei euch bleiben, denn ich will der Welt zum Wohle der Menschheit entsagen und dem Ganzen dienen, indem ich den Verirrten den wahren Weg weise."

Die bestürzten Eltern entgegneten:

"Du, unser einziges Kind! Wie kannst du uns so etwas antun? Wer wird den Weiterbestand der Familie garantieren?"

Sie waren auch deshalb besonders betroffen, weil sie bereits die Hochzeit ihres Sohnes geplant hatten. In Indien nämlich spielt der älteste Sohn eine unersetzliche Rolle. Ist er obendrein noch das einzige Kind, so trägt er natürlich allein die volle familiäre Verantwortung, zumal wenn die Eltern alt geworden sind.

Sri Savai Singhji antwortete sanft, jedoch fest entschlossen:

"Wenn ihr keinen Sohn in der Familie habt, der euch hilft und für euch sorgt, so müßt ihr den Göttlichen Vater um Hilfe bitten, Ihn, der alle Lebewesen erhält. Hegt ihr für Ihn solche Liebe und Anhänglichkeit wie für mich, so ist dies euer Tor zur Befreiung. Erscheint euch aber der Weiterbestand eures Namens wichtiger, so sei euch hiermit versichert, daß mein Onkel, der Bruder meines Vaters, einen Sohn bekommen wird, der den Fortbestand der Familie sichert. Meine Entscheidung müßt ihr akzeptieren, denn ich werde mein Versprechen halten, koste es auch mein Leben."

Sri Savai Singhji stand zu seinen Worten und gab keinerlei Versuchungen nach, seinen Sinn auf weltliche Dinge zu lenken. Als er die Prüfung seiner Standhaftigkeit bestanden hatte, war er würdig, als Swami in den Sannyas-Orden aufgenommen zu werden. Zu diesem Anlaß wurde ein großes Fest vorbereitet. Mahaprabhuji erteilte Sri Savai Singhji die traditionelle Sannyas Diksha[2] und schenkte ihm einen neuen Namen: Sri Swami Shivananda.

 

Durchströmt von der Fülle der Gnade widmete er Mahaprabhuji spontan ein wunderschönes Gebet:

SRI GURU ATMA MA PARAMATMA

Der Atma ist in allen unsterblich; er ist Gott.
Oh Gurudeva! Mit diesem Atma lebst Du in jedem.
Du bist die Seele aller Lebewesen,
der vollkommene und reine Atma, die wahre Form,
allumfassend wie der Himmel.
Die Meditation über Dich öffnet die Augen
für das Wissen über das, was ohne Anfang und Ende ist.
Der Atma ist unbegrenzt und steht über allem,
er ist das Höchste.
Der Atma ist unbeschreiblich und unendlich.
Oh Beschützer der Bhaktas!
Glücklich sind jene, die Ihn erreichen können.
Er steht über allen Elementen -
wahrlich, der Höchste weilt unter uns.
Alle Yogis und Heiligen meditieren über Ihn,
um die höchste Glückseligkeit zu erreichen.
Höchste Verehrung Dir, meinem Satguru Mahaprabhu Deep!
Durch Deine Gnade kann Dein Ergebener
die Bürde der Welt hinter sich lassen
und das Meer der Unwissenheit durchqueren.
Swami Shivananda betet zu Dir,
Allmächtiger und Allgegenwärtiger.
 

Sri Swami Shivananda war von Kindheit an mit dem Yogaweg vertraut und so war sein inneres Selbst wohl vorbereitet. Als Mahaprabhuji ihn segnete, erlangte er augenblicklich Samadhi, den Zustand des transzendenten Bewußtseins und der Gottverwirklichung, in dem Wissen, Wissender und Objekt des Wissens eins sind. Indem sich das individuelle Bewußtsein mit dem Göttlichen vereint, schwinden alle weltlichen Sorgen und immerwährende Freude stellt sich ein. Die Seele oder der Atma findet endlich seine ursprüngliche Heimat wieder. Das Ego löst sich in die kosmischen Einheit und wird frei von allen Karmas.

Swami Shivananda schuf sich in der Nähe des Ashrams eine kleine Höhle, in die er sich zurückzog. Er verschloß den Eingang und gebot, das Tor erst dann zu öffnen, wenn man ihn OM singen hörte. Ohne Speise und Trank verweilte er einen Monat lang in dieser Einsamkeit im Samadhi, das auch als der atemlose Zustand bezeichnet wird.

Am Ende dieses einen Monats nahmen die draußen wartenden Schüler den Klang des OM wahr, der anzeigte, daß der Yogi sich wieder dieser Welt zuwandte.

Einige hundert Leute hatten sich versammelt, um seinen Segen zu erwarten. Mahaprabhuji öffnete selbst die Tür, und zwei Schüler halfen Swami Shivananda heraus. Sein Körper war steif und hatte an Gewicht verloren, sonst jedoch fehlte ihm nichts. Mahaprabhuji gab ihm Orangensaft. Nach einigen Tagen nahm Shivananda etwas Milch und Weizenschrot zu sich und befolgte noch eine Zeitlang eine bestimmte Ernährungsvorschrift. Bereits nach acht Tagen hatte er seine frühere physische Kraft wiedererlangt - was sicher ein nachdrücklicher Beweis dafür ist, daß es nicht Essen und Trinken ist, was uns am Leben erhält!

Als Swami Shivananda gefragt wurde, was ihn veranlaßt habe, diese Entbehrungen auf sich zu nehmen, antwortete er mit einem Bhajan:

 

HELI MERI DORA MANA SAM JANA

Meine Brüder, äußerst schwierig ist es, den Geist zu kontrollieren -
nur mit dem Segen des Guru wird es möglich.
Der Geist bewegt sich schneller als die flinke schwarze Schlange.
Er bringt unzählige Wellen und Formen hervor.
Im Lotus des Herzens wohnt Gurudeva!
Lenke deinen Geist zu Ihm. Dort sollen sich die Wellen brechen.
In den vier Buchstaben[3] verbirgt sich das vollkommene Selbst.
Ohne diese ist der Blick vom Ego verschleiert:
Du erblickst die Verschiedenheit, nicht jedoch das Eine.
Wenn Prana und Apana sich erheben,
halten sie vor dem zehnten Tor:
Dort wirst du das Göttliche sehen - dein wahres Selbst -,
und die Flamme deines Bewußtseins wird in die große Erleuchtung eingehen.
Dies habe ich durch meinen Satguru Sri Mahaprabhuji verwirklicht.
Swami Shivananda erhielt das ewige Leben durch seine Führung.

Da erkannten die Menschen, daß Swami Shivananda Selbstverwirklichung erlangt hatte. Viele kamen zu ihm und baten um seine Unterweisung. Einige fragten: "Was bedeutet 'Gnade des Guru'? Bitte erkläre uns, was es damit auf sich hat."

Als Antwort sang Swami Shivananda abermals einen Bhajan:
 

ESE HAM GURU GAM SEN BICHARI

Die Gnade meines Meisters verstehe ich so:
Er ist ein Baum ohne Wurzeln und Äste,
beladen mit süßen Früchten.
Er ist unendlich, ungeformt und unfaßbar.
Seine Blüten weisen den Weg zur Wahrheit.
Er ist unsichtbar, ewig und unveränderlich,
ein blütenübersäter Baum, der himmlische Früchte trägt -
jenseits menschlicher Fassungskraft,
nach allen Seiten seine Liebe verströmend.
Er steht allein und wächst ohne Wasser,
jenseits von Ursprung und Leere, unergründlich.
Sein Ruhm wird von unzähligen großen Seelen,
Weisen und Heiligen besungen.
Ich habe Mahaprabhuji gefunden,
den barmherzigen, vollkommenen Guru.
Ihn zu verwirklichen bedeutet, sich selbst zu verwandeln.
Der Guru ist das Tor zur Glückseligkeit.
Er enthüllte mir die Geheimnisse des Höchsten Selbst
mit seinem gnadenvollen Blick.
 

Einmal wollte ein Besucher, der Swami Shivananda von früher kannte, wissen, warum er seinen Palast und sein luxuriöses Leben aufgegeben habe, um Swami zu werden. 

Swami Shivanandji antwortete lächelnd:

"Wie ein Mann, der sein Heimatdorf verläßt, um sich in der Stadt ein Haus zu bauen, so habe ich meinen Palast verlassen und mein Haus in Brahma Loka[4] errichtet."

Der Besucher drang weiter in ihn:

"Und wo ist dieses Haus? Zeige es mir bitte!"

Da sang Swami Shivananda:

BANGALA ME AJABA SURANGA PAYA

Die einzigartige und wunderbare Wohnstatt
meines Guru entdeckte ich, sah ihren strahlenden Glanz.
Sie ist ohne Form und Mauer, ohne Fundament und Träger,
ruhend in sich selbst, ohne Sonne und Schatten,
erleuchtet vom göttlichen Licht.
Dies Haus ist wundervoll und unbezahlbar.
Nur wenige große Seelen finden zu ihm.
Seine Pracht ist unermeßlich und unzerstörbar.
Auch Veden und Puranas können das nicht beschreiben.
Der Klang von OM SOHAM durchflutet dieses Haus
formlos, frei und alles transzendierend.
Mahaprabhuji, mein barmherziger und vollkommener Meister,
zeigte mir den weglosen Weg zu diesem Haus.
Dank seiner Gnade hat Swami Shivananda das Haus der Wirklichkeit gefunden.
 

Da verstanden die Zuhörer, was Swami Shivananda mit dem Haus in Brahma Loka gemeint hatte: materieller Besitz ist eine vergängliche Illusion. Viele Könige und Prinzen, so auch Buddha, gaben ihre weltlichen Reichtümer auf, um zu dem geistigen Haus zu erlangen, das jenseits von Geburt und Tod liegt. 

Swami Shivanandas Vater erhält die Sannyas Diksha

Wie Swami Shivananda vorausgesagt hatte, wurde seinem Onkel ein Sohn geboren und somit war der Weiterbestand der Familie gesichert. Dieser, mit Namen Sri Raj Singhji, lebt noch heute als treuer Ergebener Mahaprabhujis. Durch die wunderbaren Ereignisse in seiner Familie wurde schließlich auch Swami Shivanandas Vater zum Yoga geleitet. Sein Glaube an Mahaprabhuji wuchs stetig, und eines Tages wurde auch er Swami. Mahaprabhuji weihte ihn ein und gab ihm den Namen Swami Sukhdevananda Puri.

Er wurde ein großer Siddha Yogi. Leider wurde er erst Swami, als die Zeit seines Lebens schon fast abgelaufen war; versucht also, euren spirituellen Auftrag frühzeitig zu erkennen!

Teilnahme an einer Hindu-Konferenz

Meist bereiste Swami Shivananda die Provinz Uttar Pradesh, und zuweilen besuchte er auch den Pundjab, um Mahaprabhujis Lehren zu verbreiten. Dort nahm er in Jalandhar an einer großen Hindu-Konferenz teil und begeisterte mit seiner Rede die Zuhörer. Besonders ein Bhajan hinterließ tiefen Eindruck bei allen Anwesenden:

ABA JAGO JI BHARAT KE VASI

Freunde erwacht! Warum liegt ihr in tiefem Schlaf?
Unwissenheit hält euch umfangen
und ihr erkennt es nicht einmal!
Ich nenne euch die wahre Pflicht, Brüder, hört mir zu:
Wenn ihr eurem Dharma nicht folgt,
worin liegt dann der Sinn des menschlichen Lebens?
Empfindet ihr nicht Reue und Scham?
Ihr seid die Beschützer der Gesellschaft.
Nicht ihre Zerstörer solltet ihr sein! Denkt daran!
Götter könntet ihr sein, doch zieht ihr es vor,
mit dem Teufel zu gehen.
Schämt ihr euch dessen nicht?
Mein Satguru, Bhagwan Sri Deep Mahaprabhuji,
hat mich mit seinen Worten aufgeweckt.
Erwachet auch ihr zum wahren Dharma!

Die Form des Höchsten ist Klang

Auf seinen Satsangs hielt Swami Shivananda selten lange Reden. Er gab nur auf Fragen hin Erklärungen und dies meist in Gedichtform. Seine Lieder kündeten stets vom Ursprung aller Dinge: von Gott.

Swami zu sein bedeutet, das Leben ganz der Erkenntnis des Ursprungs des Universums, der Entdeckung der Wirklichkeit und der Rückkehr in die grundlegende geistige Heimat zu weihen. Nur einen flüchtigen Augenblick lang währt das Dasein in der materiellen Welt, denn wir gehören der Ewigkeit an. Der Swami begibt sich auf eine Reise, deren Ziel die Entdeckung des inneren Selbst ist: des ewigen und segenspendenden Einen - denn das eigene Selbst ist zugleich das All-Selbst. Ein Swami ist nicht länger an bestimmte Personen oder an die Familie gebunden. Er übernimmt Verantwortung für alle, seine Heimat ist das gesamte Universum.

Auf die Frage, woher er stamme, antwortete Swami Shivananda:

ESA HAM SUNA CHETAN KA VASI

Meine Freunde, ich entstamme der Leere.
Dort, wo es weder Geburt noch Tod oder Schicksal gibt,
dort, wo alles gesegnet ist, lebt Er,
unsterblich, im Lichte der Weisheit des Guru.
Mein Sein ist in Nichts und in Allem.
Furchtlos bin ich, denn ich lebe in der Gnade meines Guru.
Ohne Angst vereinigte ich mich mit dem Nirguna -
fand im Formlosen das höchste Ziel,
erkannte den Segen im Blick meines Guru.
Die Leere jenseits der Leere, sie ist erfüllt von göttlichem Sein,
jenseits der Erreichbarkeit der Sinne,
jenseits geistigen Fassungsvermögens.
Ich sah das göttliche Licht, den alles durchdringenden,
ewigen Brahman, erblickte den unsichtbaren Glanz,
das Land der göttlichen Farben.
Als ich dies erschaute, lachte ich vor Freude.
Ich sah Millionen von Sonnen, ewiges Licht überall.
Dies ist das Land, zu dem ich gehöre.
Dies ist das Spiel der göttlichen Natur.
Durch meinen Guru verwirklichte ich die Einheit,
ohne ein Zweites bin ich, eins mit dem Universum, All-Eins.
Sri Deep, der Barmherzige und Ewige,
er führte mich in dieses göttliche Land.
Durch die Gnade seines Guru erlangte Swami Shivananda
das Höchste Selbst.

"Oh ja", erwiderten daraufhin die Leute und nickten wissend, "wir verstehen und sind sehr dankbar für deine wertvollen Ausführungen. Deine Eltern sind glücklich zu preisen, solch einen großen Sohn zu haben. Aus welcher Kaste stammst du eigentlich?"

Swami Shivananda lächelte nachsichtig:

"Ich sehe, daß ihr noch nicht so ganz verstanden habt. Nicht die Scheide, sondern die blanke Klinge des Schwertes soll man loben. Nicht Rasse, Stand oder Religion eines Menschen sind wesentlich, nur sein Wissen über die Wahrheit ist entscheidend. Meine Verwandten und Vorfahren sind die, welche die göttlichen Worte verstehen."

"Aber warum sind Worte so wichtig?" wurde er gefragt, und "Welches ist das göttliche Wort?" Er sang:
 

SABDA SANEHI MERI JATRA MERI HELI

Verwandt sind jene mir, die diese Worte verstehen,
und fern stehen mir die anderen.
Durch Worte wird gegeben und genommen.
Durch Worte verstehen wir einander.
Worte sind es, die uns begleiten.
Durch Worte kommen wir zusammen;
Durch Worte vereinigen wir uns.
Durch Worte gewinnen wir Wissen.
Durch Worte werden wir Yogis.
Durch Worte werden wir zu Weisen.
Durch Worte werden wir befreit.
Durch Worte erfahren wir Gott in Sarguna;
im Wort erkennen wir Ihn auch als Nirguna.[5]
Worte übermitteln uns den göttlichen Glanz.
Worte sind Brahman und Worte sind Maya.
Durch das göttliche Wort wurde Swami Shivananda befreit.
 

Da verstanden die Menschen die Worte der Veden:

NADA RUPA PARABRAHMA - Die Form des Höchsten ist Klang.[6]

Swami Shivananda war ein begnadeter Musiker, ein Meister auf der Sitar, Tabla, Flöte und dem Harmoniums, und er hatte eine wunderbare Stimme.

Er widmete sich auch erfolgreich der Aufklärungsarbeit bezüglich des Drogenmißbrauchs und half zahlreichen Menschen, sich aus dem Banne der Sucht zu befreien. Als allseits beliebte und anerkannte Persönlichkeit genoß er auch weit über die Grenzen Rajasthans hinaus großes Ansehen. 

Wahre Pilgerfahrt

Swami Akhandananda aus Gujarat, ein guter Freund Swami Shivanandas, lud diesen ein, sich mit ihm und seiner Gruppe auf Pilgerfahrt zu begeben:

"Swamiji, wir möchten auf unserer Reise die heiligen Stätten unseres Landes aufsuchen und würden uns sehr über deine Begleitung freuen. Deine Bhajans wären für uns eine echte Inspiration und wir könnten von deinem spirituellen Wissen profitieren."

Swami Shivananda dankte lächelnd für die freundliche Einladung, meinte aber:

"Laßt uns zuerst den Sinn solcher Wallfahrten überdenken. Ein Pilgerort ist ein Ort, an dem einst ein Heiliger lebte, den die Menschen aufsuchten, um seiner Weisheit teilhaftig zu werden. Doch heute weilt der Heilige nicht mehr dort! Wenn ihr Gott sucht und nicht nur Ferien mit frommem Dekor machen wollt, so ist es ganz und gar sinnlos, von einem Ort zum anderen zu pilgern in den verwehten Fußspuren der Heiligen. Nur der Mensch selbst kann fromm sein, nicht aber seine Reise. Ihr solltet euch lieber an einen ruhigen Ort zurückziehen, euch dort auf euer Selbst und Gott konzentrieren und meditieren. Gott ist dort, wo ihr lebt! Es steht geschrieben, daß einer, der gleichzeitig nach vielem strebt, alles verliert, jener hingegen, der eine Sache meistert, alles gewinnt. Konzentriert euch deshalb auf diese eine Sache, und ihr erlangt von selbst den Segen der Vollkommenheit! Seht diesen Baum: Seine Blätter, Äste, Blüten und Früchte sind von seinen Wurzeln abhängig, werden über diese am Leben erhalten. Wollt ihr seinen Ästen Wasser geben, so müßt ihr es auf die Wurzeln gießen, nicht auf die Blätter, wo das Wasser nur verschwendet wäre."

Einer der pilgernden Swamis wandte ein: "Swamiji! Begeben wir uns nicht zu diesen Wurzeln, indem wir die heiligen Orte aufsuchen? Sind nicht sie die Quellen der spirituellen Erweckung?"

"Nein", antwortete darauf Swami Shivananda, "nur durch den Dienst am Guru reifen die Früchte spiritueller Übung. Ohne Guru-Bhakti[7] bleibt sie ergebnislos. Wer das Selbst verwirklicht hat, wird selbst zur duftenden Blume des Göttlichen. Kein Stein und keine Statue - gleich welche Weihe ihnen zuteil geworden sein mag - kann euch den Weg zu dieser Wahrheit weisen. Diese irdischen Monumente waren nur Zeugen der Blüte des Göttlichen. Ihr müßt den Heiligen selbst aufsuchen, der aus persönlicher Erfahrung um den Weg zu Gott weiß und ihn euch zeigen kann. Nur der lebende Meister kann euch von der Finsternis, aus GU, zum Licht der wahren Erkenntnis, zu RU führen. Er ist euer spiritueller Meister, euer Guru. Alle Erscheinungsformen der Maya sind vergänglich und bilden das Reich der Unwissenheit. Ewig erstrahlt dagegen nur der Glanz der göttlichen Wahrheit, unveränderbar durch die drei zeitlichen Dimensionen, unbehindert auch durch die des Raumes.

Meine Freunde! Wenn eure Gebete erhört werden und ihr einem Satguru begegnet, dann werdet ihr sehen, daß in ihm das ganze Universum existiert, daß er überall und in allem ist. Die Zeit wird kommen, da ihr ihm begegnen werdet. Alle heiligen Orte, alle Götter und alle Heiligen finden sich in ihm. Habt ihr ihn gefunden, braucht ihr nirgendwoanders mehr hinzugehen.

Besonders gesegnet sind jene, die bei ihrem Guru leben. Glücklich sind, die ihm dienen dürfen, und auch jene, die ihn zwar nur von Zeit zu Zeitsehenkönnen, ihn jedoch immerzu in Gedanken bei sich haben.

Meine Freunde! Eine Bank zu betreten, macht noch nicht reich, und Orte zu besuchen, an denen in vergangenen Tagen weise Menschen lebten, vermittelt noch keine Weisheit. Die nämlich müßt ihr praktisch erwerben, leben und erfahren. Um den spirituellen Schatz des inneren Selbst zu aktivieren, muß der rechte Schlüssel gefunden sein. Der Guru besitzt diesen Schlüssel in Form der richtigen Übung und Führung."

Dann sang Swamiji einen Bhajan:

GURU CHARANO ME ARASATA TIRATHA HE

Alle Schriften verkünden:
das Ziel der Pilger ist der Ort, wo der Guru lebt.
Dorthin gehen die Ergebenen,
um im Ganges des Wissens zu baden.
Dorthin kommen die Wissenden,
um ihre Weisheit zu übermitteln.
Hier werden die Wünsche aller Suchenden erfüllt;
hier erlangen sie Selbstverwirklichung.
Hier werden sie befreit vom Rad der Wiedergeburt
und vereinigt mit Parabrahma.
Hoch gepriesen sei Mahaprabhu Deep!
Wie dankbar ist Swami Shivananda, daß er hier seine Vollendung findet.

Swami Akhandananda und die anderen Pilger setzten ihre Reise nicht fort, sondern verbrachten viele mit inspirierenden Satsangs erfüllte Tage bei Swami Shivananda, bevor sie beglückt und in tiefer Verehrung Abschied nahmen. 

Vereinigung mit Brahman

Swami Shivananda lehrte und verkündete viele Jahre lang den Menschen in unzähligen Satsangs und Vorträgen die Wahrheit und wies ihnen den rechten Weg. Seine schönsten Bhajans sind in dem Buch "Sri Shivananda Vani Prakash" gesammelt.

Am Ende seiner irdischen Reise legte er im Einklang mit dem göttlichen Willen durch Yoga-Kraft seinen Körper ab und vereinte sich mit dem kosmischen Bewußtsein.

 


[1]Paras = "Stein der Weisen", der Eisen zu Gold wandelt

[2]Sannyas Diksha = Weihezeremonie für einen neuen Swami

[3]OM SOHAM = "OM -Das bin ich", im Sanskrit  vier Buchstaben umfassend

[4]Brahma Loka = Göttliche Ebene

[5]Sarguna = in Gestalt, Nirguna = gestaltlos

[6]Nada = Klang, Wort, Energie, Schwingung

[7]Guru Bhakti = Ergebenheit für den Guru

 

Nächstes Kapitel: Thakur Revat Singh

Voriges Kapitel: Treffen mit Mahatma Gandhi

Übersicht: Mahaprabhujis Schüler

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