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Vorwort

Die Leben der Heiligen sind unsere Wegweiser und Meilensteine auf der Straße zum unendlichen göttlichen Licht. Das Licht der Weisheit dieser Heiligen leuchtet uns auf dem Pfade der Selbstverwirklichung - ihre Taten, ihre Lehre, worin sich die göttliche Wahrheit offenbart, sind dem wirklich Suchenden von unermeßlichem Wert als Orientierung, als Führung. Enthüllung der allumfassenden Wahrheit - das bedeutet zugleich die Erfüllung unseres eigenen Lebenssinnes in Hingabe an das Vorbild und Inspiration aus ihm. Und in dieser Erfüllung wird uns jenes göttliche Wissen vermittelt, mit welchem wir - den vergänglichen Schein der Welt transzendierend - unser Bewußtsein im Reiche des Unvergänglichen, Ewigen verankert wissen.

Ohne Gotteserkenntnis irrt unser Geist in Dunkelheit umher. Das göttliche Wissen aber ist der Nektar, nach dem alle Seelen dürsten - und diesen Durst zu stillen ist nur Gottes Gnade imstande.

Das Leben seiner Heiligkeit Bhagwan Sri Deep Narayan Mahaprabhuji fließt über von diesem Nektar. Das große Glück wurde mir zuteil, mein Leben in seiner gütigen Obhut verbringen und meinen spirituellen Weg unter seiner direkten Führung vollenden zu dürfen.

Unzählige Ergebene, durch Mahaprabhujis Worte inspiriert, von seiner Güte und Barmherzigkeit beschützt und durch seine Hilfe in ihrem geistigen Streben unterstützt, traten immer wieder an mich heran mit der Bitte, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben - vielen Menschen zum Nutzen und Wohle. Auch war es mein innigster Wunsch, über das Leben und die Lehren meines göttlichen Meisters zu berichten, um den Segen seiner Weisheit an die ganze Menschheit weiterzugeben. Lange Zeit jedoch willigte er nicht ein. In seiner Bescheidenheit, losgelöst von den irdischen Dingen, lehnte er mehr als zwanzig Jahre meine Bitte ab. Frei von allen Wünschen, strebte er nicht nach dem Ruhme seines Namens und seiner Person.

Zuletzt aber erfüllte der Retter der Seelen, dem ich von ganzem Herzen ergeben bin, doch mein Verlangen - indem sich die Wahrheit der Worte beweist, wonach Gott einen reinen und auf das Gute gerichteten Wunsch seines Ergebenen früher oder später immer erfüllt.

 

Zu Beginn des Jahres 1963 erhielt ich einen Brief Mahaprabhujis mit der Aufforderung, ihn so rasch wie möglich im Ashram zu Khatu aufzusuchen. Als ich dort eintraf, empfing er mich voll Wärme, und mein Herz wurde vom unendlichen Frieden seiner Gegenwart erfüllt.

Am frühen Morgen des folgenden Tages rief er mich zu sich. Er eröffnete mir, daß er am fünften Dezember desselben Jahres um fünf Uhr in der Früh die Welt verlassen werde. Er schloß: "Um dir dies mitzuteilen, rief ich dich hierher, und um dich nach deinem größten Wunsch zu fragen, um dir diesen zu erfüllen. Denn tue ich dies nicht, wer sollte es dann tun?"

Indem ich vor ihm niederkniete, wiederholte ich die schon so oft geäußerte Bitte, die Geschichte seines heiligen Lebens niederschreiben zu dürfen - und mein gnädiger Meister antwortete lächelnd:

"Es sei."

Ich war überwältigt von diesem Glück, wie ein Bettler es sein mag, der einen Schatz von unermeßlichem Wert erhält. Sofort machte ich mich an die Arbeit.

Die in diesem Buch dargelegten Einblicke in die Lebensgeschichte von Bhagwan Sri Deep Narayan Mahaprabhuji und diejenige seines Meisters Paramyogeshwar Sri Devpuriji gehen zurück erstens auf Mitteilungen und Erlebnisse, die mir im persönlichen Kontakt mit Mahaprabhuji sowie in meiner Meditation übermittelt wurden; zweitens auf Begebenheiten, die ich als Augenzeuge selbst miterleben durfte, und drittens auf solche, die mir, infolge meiner Nachforschungen und Befragungen, von den Ergebenen und Schülern Mahaprabhujis berichtet wurden.

Hunderte von wunderbaren Taten und Vorkommnissen aus dem Leben unseres Meisters wurden mir erzählt - nur einige wenige davon konnten hier wiedergegeben werden. Zum Zwecke einer weit¬gehend authentischen Schilderung achtete ich auf möglichst genaue Anführung der Namen von Beteiligten und Zeugen, der Ortsangaben und - soweit möglich - Daten der einzelnen Geschehnisse.

Diese Berichte wurden zum Wohle aller spirituell Suchenden zusammengestellt; mögen sie sie in ihrem geistigen Streben inspirieren und im Glauben festigen, - sagte doch Gott Krishna in der Bhagavad Gita: "Die Skeptiker suchen ihr eigenes Verderben." (Kapitel 4/40)

Die Welt, die wir aufgrund unserer Sinneswahrnehmung naiv als Realität begreifen, ist in Wahrheit nur ein vergängliches Traumgebilde. Sie ist das Werk der Maya - der Kraft der Illusion.

Dies aber ist durchdrungen von einem transzendenten Bewußtsein, welches ewig, unveränderlich, ungeteilt, allgegenwärtig, allwissend, undefinierbar, ohne Attribute oder Form, ungebunden, rein und vollkommen ist. Es hat keinen Anfang und kein Ende. Diese Schwingung oder Energie, die das gesamte Universum erfüllt, nennen die Veden:

OM.

OM ist Wirklichkeit, ist Wahrheit, ist reines Bewußtsein, über das alle Yogis und Weisen meditieren. OM ist Befreiung und Vollendung. OM ist das Göttliche. OM ist die Ultima Ratio - die Kraft, die den Kosmos schafft und erhält. In ehrfürchtigem Gruß verneige ich mich vor OM.

Zum Heil dieser Welt manifestiert sich von Zeit zu Zeit die formlose göttliche Kraft des OM in menschlicher Gestalt auf Erden. Dies ist es, was alle heiligen Schriften der Welt überliefern.

Warum erscheint eine göttliche Inkarnation in dieser Welt? Wenn wir daran glauben, daß Gott überall und in allem ist, daß Er in seiner Allmacht unaufhörlich für die Menschen wirkt - warum ist es dann für Ihn notwendig, eine Form anzunehmen?

Zu manchen Zeiten nimmt die Konzentration negativer Kräfte in solcher Weise überhand, daß nur in Gottes direktem Eingreifen Abhilfe geschaffen werden kann. Gott begibt sich in irdische Gestalt, um Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit unter den Menschen wieder zu stärken, die Erhaltung des rechten Glaubens zu sichern und das Böse zu vertreiben.

Viele Menschen meinen, nur Rama, Krishna oder Jesus seien göttlich. Gott aber ist zu jeder Zeit auf Erden auch in menschlicher Gestalt anwesend. Seine Möglichkeit zu inkarnieren ist weder durch Zeit noch durch Raum oder Anzahl begrenzt. Wenn es an einem bestimmten Ort brennt, so bedeutet das keineswegs, daß nicht zu derselben oder einer anderen Zeit auch andernorts ein Feuer ausbrechen kann. Gott vermag - wie das Feuer - jederzeit und überall zu erscheinen.

Die Bereitschaft Gottes, zum Heil seiner Ergebenen zu inkarnieren, wird im vierten Kapitel der Bhagavad Gita (Vers 6-9) beschrieben:

"Obgleich ich ungeboren bin und mein Selbst unvergänglich ist, obgleich ich der Herr aller Geschöpfe bin, so gelange ich doch durch meine Macht zu sinnlich erfahrbarem Sein, indem ich mich in meiner eigenen Natur festlege. Jedesmal, wenn die Rechtmäßigkeit im Schwinden ist und das Unrechte sich erhebt, begebe ich mich in eine Inkarnation. Um die Guten zu beschützen, die Bösen zu vernichten und die Rechtmäßigkeit zu festigen, entstehe ich von Weltalter zu Weltalter. Wer also in Wahrheit meine göttliche Geburt und meine göttlichen Werke erkennt, wird nicht wiedergeboren. wenn er seinen Leib verlassen hat, sondern kommt zu mir, oh Arjuna."

Deshalb singen wir das Mantra[1] :

OM GURUR BRAHMA GURUR VISHNU
GURUR DEVO MAHESHWARAH
GURUH SAKSHAT PARABRAHMA
TASMAI SRI GURUVE NAMAH

"Der Göttliche Eine, das All-Selbst, gegenwärtig in jedem Wesen, nimmt die Form von Brahma an, um die Welt zu erschaffen. Derselbe Allmächtige manifestiert sich in der Gestalt Vishnus, Beschützer und Erhalter des Universums - und wird zur Rettung des menschlichen Dharma als Mensch geboren. Derselbe Gott nimmt auch die Form Maheshwaras (Shiva) an, des Befreiers, der am Ende den Kosmos wieder in sich löst. Denen, die spirituelle Befreiung suchen, erscheint diese göttliche Kraft auf Erden als Satguru (wahrer Meister). Darum verbeuge ich mich vor dem göttlichen Meister."

Wie jedoch ist dieses wunderbare Ereignis für uns erkennbar?

Die Antwort ist - zumindest als Gedanke - sehr einfach: Wird ein Mensch geboren, um die Botschaft Gottes auf die Erde zu bringen, so stellt er alle guten Eigenschaften und höchsten Fähigkeiten des Menschen in ihrer Vollendung dar, und somit handelt es sich um einen von Gottes wahren Boten.

Die göttliche Inkarnation zeichnet sich durch unwandelbare Güte, universale Liebe und Barmherzigkeit aus. Selbstlos der Wahrheit verpflichtet, wirkt sie Gutes für alle Wesen, ohne Ansehen von Rasse, Nationalität, Religion, Geschlecht, Stand oder Rang. Die Strahlung ihres göttlichen Lichts vermag den Ergebenen von seiner Unwissenheit und Gebundenheit zu erlösen - selbst im niederträchtigen und rohen Charakter erweckt sie den göttlichen Funken und verwandelt das Bewußtsein des Gläubigen von der durch Zeit und Raum begrenzten Anschauung zur unbegrenzten, göttlichen Schau.

Derjenige, durch den Gott selbst sich manifestiert, kommt als bereits Vollendeter zur Welt. Von Geburt an ist er Meister dessen, was der Suchende sich auf seinem Weg erst mühsam erwerben muß. Kein Fehler, keine Schwäche existieren in ihm. Zwar besitzt er einen Körper, aus den physischen Elementen zusammengesetzt - gleichwohl  steht er über der Materie, den Elementen, und besitzt alle Macht über die Gesetze des Kosmos.

Wie bereits erwähnt, ist es theoretisch sehr einfach, einen Heiligen, Satguru oder Avatar[2] zu bestimmen. In der Praxis jedoch vermögen nur diejenigen, die über viele vorangegangene Leben hinweg gutes Karma erworben haben, einen solchen Meister zu finden. Nur diese sind die wahren Suchenden, und nur sie erkennen das göttliche Licht:

"Am Ende vieler Leben geht der Weisheitsvolle in mich ein, im Wissen, daß Vasudeva (Gott) alles ist. Solch eine große Seele ist schwer zu finden." (Bhagavad Gita, Kapitel 7/19)

Der große indische Heilige Sunderdas verlieh dieser Wahrheit in einem Gedicht Ausdruck:
Der Satguru ist der Höchste - er ist Gott!
Doch sein Schüler sieht nur seine menschliche Gestalt.
Wie kann dort Vollkommenheit sein,
wo solche Unwissenheit besteht?
Der Heilige und berühmte Dichter Tulsidas sagte in seinem Epos Ramayana:
Ich verehre meinen Satguru als Gott in Menschengestalt.
Er ist ein Meer aus Segen!
Seine Worte sind klar und kraftvoll wie die Sonne
- sie vertreiben das Dunkel der Illusion.

Die heiligen Schriften eröffnen uns diese grundlegende Wahrheit über den Satguru:

DHYANA MULAM GURU MURTI
PUJA MULAM GURU PADAM
MANTRA MULAM GURU VAKYAM
MOKSHA MULAM GURU KRIPA

Essenz der Meditation ist die transzendente Form des Guru.
Essenz der Zeremonien ist Verehrung der Lotusfüße des Guru.
Essenz des Mantra sind die Worte des Guru.
Essenz der Befreiung ist die Gnade des Guru.

Den vom Satguru Gesegneten wird das Unmögliche möglich:

Die durch Nichterkenntnis Gelähmten erreichen den Gipfel der Erkenntnis. Die Blinden gleich im Dunkel der Illusion Umherirrenden erblicken die Wirklichkeit. Die in Unwissenheit Verstummten künden die Worte der Weisheit.

Mein Satguru, der Befreier aller Seelen, mein Beschützer, voller Gnade und Liebe, ist seine Heiligkeit Bhagwan Sri Deep Narayan Mahaprabhuji. Sein ruhmvolles und heiliges Leben will ich nun zu beschreiben versuchen.

Paramhans Swami Madhavananda

 


 

[1] Ein Mantra ist ein heiliges Wort oder eine kurze Gebetsformel
[2]A vatar = göttliche Inkarnation

 

Nächstes Kapitel: Hymne zu Ehren von Sri Mahaprabhuji

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