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Der Ashram zu Kailash

Nun begann Sri Devpuriji in die Öffentlichkeit zu treten. Er verließ das Abu-Gebirge und begab sich zunächst nach Nasirabad, nahe Ajmer (Rajasthan), wo sich ein Militärposten der Engländer befand. Die britischen Offizieren, die ihn dort kennenlernten, waren von seiner außergewöhnlichen Persönlichkeit sehr beeindruckt.

Danach ging Sri Devpuriji nach dem Dorfe Kailash im Distrikt Sikar, (Rajasthan), und eröffnete den Bewohnern, er wolle hier einen Ashram errichten. Die Leute der Gegend kannten ihn wohl und priesen es als großes Glück, Sri Devpuriji in ihrer Nähe zu wissen und seine Predigten zu hören. So waren sie bereit, alles für Sri Devpuriji zu tun, und alsbald war ein schönes, zweistöckiges Ashramgebäude erbaut.

Der Kailash Ashram steht auf einer kleinen Anhöhe in der Wüste mit gutem Ausblick auf die majestätischen Sonnenauf- und -untergänge. Nicht sehr weit gegen Norden kann man einige Teiche und einen Fluß erkennen; dahinter eine dichte Baumreihe. Südlich liegt das kleine Dorf Kailash mit den strohgedeckten Bauernhütten, gleich einem Pastell aus sanften Braun- und Grautönen. Nach Westen öffnet sich ein langgestrecktes Tal und ungefähr vier Meilen weiter finden sich, einen Halbkreis beschreibend, zerklüftete, braune Hügel.

Der Ashram ist in der Bauanlage schlicht gehalten, das Grundmaterial bilden weißgetünchte Steine. Beide Etagen verfügen über offene Terrassen. Davor stehen einige große, schattenspendende Banyanbäume. In seinem Zentrum befindet sich gemäß vedischer Tradition ein großer Havana Kunda . Die ganze Anlage ist ein idealer Ort für Yogis und alle Meditierenden, denn die Luft ist klar und rein und die Sicht unbehindert.

In dem neuen Ashram hielt Sri Devpuriji Vorträge über das Ramayana, das große Epos von Sri Goswami Tulsidas. Der Kunde von seinen wunderbaren beglückenden Satsangs  verbreitete sich rasch, und bald kamen immer mehr Menschen, ihn zu hören.

Viele reisten aus weiter Ferne durch die Wüste an - zu Fuß, mit Ochsenkarren oder auf Kamelen.

Diese Reisen schenkten den Pilgern vielfältige, malerisch bunte Eindrücke, denn nicht umsonst wird Rajasthan wegen der offensichtlichen Vorliebe seiner Einwohner für alles Farbenprächtige das "Land der Farben" genannt. Die Männer tragen gelbe, rote, grüne und rosa Turbane und die Frauen lange, bunte Röcke und Saris  aus meist handbedruckten Stoffen in leuchtenden Farben. Die Bauernfrauen bei der Arbeit gleichen Schwärmen lebhafter exotischer Vögel auf dem satten Grün der Felder.

Die Lagerfeuer nach Sonnenuntergang vor dem Ashram wurden zum gewohnten Bild; dorthin kamen die Dorfbewohner, um in den Melodien der Bhajans und Kirtans , begleitet vom Rhythmus der Instrumente den Tag hinter sich zu lassen. Hier, am Rande der Wüste, ist der Nachthimmel klar und tief. Dem ganzen Landstrich ist eine heitere Ruhe zu eigen, und der warme Wind überstreicht sanft und weich die Gesichter.

Tagtäglich predigte Sri Devpuriji, und seine Worte wirkten auf die Zuhörer wie himmlischer Nektar. Auf wunderbare Weise war auf jedem Satsang stets für alle ausreichend Speise und Trank vorhanden, wie viele Menschen auch immer kommen mochten. Großzügig wurden Prasad  und Süßigkeiten ausgeteilt, und nie stellte sich die Frage: "Ist genug da?" sondern vielmehr: "Woher kommt das alles?"

Niemals wurde jemand gesehen, der Lebensmittel für den Ashram eingekauft hätte, und niemals wurden irgendwelche Lieferungen zum Ashram gebracht. Es ist bekannt, daß Lakshmi, die Glücksgöttin, und Kubera, der Gott des Wohlstandes, den Siddhas zu Diensten sind. Die Menschen waren überzeugt, daß göttliche Helfer den Ashram versorgten.

Von einem Bewohner des Ortes, der heute noch in Kailash lebt, hörte ich die folgende Geschichte:

Eines Tages sei er verzweifelt zu Sri Devpuriji gekommen, weil ihm das Geld für den Kauf selbst der lebensnotwendigen Dinge fehlte. Da hätte dieser eine Seite der Decke, auf der er saß, angehoben, und darunter sei eine große Anzahl Münzen englischer Prägung zum Vorschein gekommen. Davon hätte der Meister ihm - der sich vor Staunen kaum fassen konnte - erlaubt, soviel zu nehmen, wie er brauchte.

Da im Laufe der Zeit mehreren Bittstellern Ähnliches widerfuhr, herrschte schließlich die allgemeine Meinung im Volk, Sri Devpuriji halte unter seiner Decke viel Geld versteckt. Nun verließ er eines Tages, nachdem er gerade wieder jemandem einige Münzen geschenkt hatte, für einen Augenblick den Raum. Einer der Anwesenden - gepackt von der Neugier, wieviel Geld wohl wirklich unter Sri Devpurijis Decke versteckt sei - hob die Decke hoch, doch darunter befand sich nichts als der blanke Boden.

So geschehen Tag für Tag wunderbare Dinge um einen Heiligen.

Mehr als drei Jahre lang predigte Sri Devpuriji nun schon Tag für Tag. Allmählich wurde es die Gewohnheit der Dorfbewohner, den Ashram zu besuchen, mehr und mehr jedoch nur, um das gute Essen und die wohltuende Atmosphäre zu genießen. Keiner unter ihnen übte noch Yoga oder versuchte ernsthaft, Sri Devpurijis Lehren in seinem Leben zu verwirklichen.

Als Sri Devpuriji sah, daß er seine Zeit verschwendete, beschloß er, das Abhalten von Satsangs zu beenden. Eines Tages rief er plötzlich aus:

"Verlaßt den Ashram, das obere Stockwerk bricht ein!"

Das Gebäude war neu und solide gebaut und niemand hielt für möglich, daß es so einfach einstürzen könnte. Doch wirklich, unter dem alles durchdringenden Blick Sri Devpurijis bildeten sich am Obergeschoß Risse; es begann zu wanken und zu zersplittern, und das Mauerwerk fiel in Stücken herab. So schnell sie konnten, flüchteten die Leute ins Freie, und wunderbarerweise wurde niemand verletzt. Und nicht genug damit: daraufhin ließ Sri Devpuriji ein seltsames Summen ertönen, das von allen Seiten Schlangen herbeilockte . Da liefen auch die letzten Besucher in Panik davon.

Lange noch redeten die Dorfbewohner über dieses furchteinflößende Ereignis und wußten keine Erklärung für Sri Devpurijis Handeln zu finden. Die meisten von ihnen glaubten, er sei verrückt geworden. Kaum einer aber kam auf den Gedanken, bei sich selbst den Grund zu suchen.

Heute ist der Kailash-Ashram um eine große Meditationshalle erweitert, die eine Gedenktafel für Sri Devpuriji enthält. Der ältere Teil des Gebäudes verblieb jedoch so wie nach dem Einsturz. Natürlich wurden die herabgefallenen Steine längst weggeräumt, doch wenn man um den Ashram herumgeht oder zum Dach hinaufsteigt, kann man die Mauerreste des einstigen Obergeschoßes noch erkennen.

Auf diese Weise endete Sri Devpurijis öffentliches Predigen.

Danach sprach er nur mehr mit einzelnen Menschen, die zu ihm kamen und ihn um seinen Beistand baten oder seinen Weg auf andere Weise kreuzten.


[1]Havana Kunda = Feuerplatz

[2]Satsang = spirituelle Gemeinschaft oder Zusammenkunft, in der die Wahrheit gelehrt wird.

[3]Sari = Kleid der indischen Frauen

 [4]Bhajan, Kirtan = spirituelle Lieder, Gotteslob

 [5]Prasad = gottgeweihte Speise (z.B. Nüsse, Obst, Süßspeise)

[6]Die Schlangen gehören Gott Shiva zu. Als dieser einst im Dschungel lebte, überkrochen Schlangen seinen Körper während der Meditation. Schlangen sind zudem Boten der Veränderung und des Wechsels.

 

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