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Ein Bär als Lehrer

Es war am 15. Mai 1954, als ich im Shivbagh Ashram zu Bola Guda bei Mahaprabhuji weilte. Mahaprabhuji hatte mich gescholten. Es war zwar zu meinem eigenen Besten gewesen, aber in meiner Unwissenheit war ich doch in einem gewissen Ausmaß erregt und ärgerlich. Um dies zu verbergen, zog ich mich schweigend in mein Zimmer zurück - aber vor Mahaprabhuji konnte man nichts verheimlichen.

Kurz danach betrat ein Bärenführer den Ashram und bot Mahaprabhuji an, die Kunststücke seines Bären vorzuführen.

Mahaprabhuji gab sich zuerst ablehnend:

"Wir sind Sadhus. Uns interessieren solche Spiele nicht."

Als der arme Mann aber bat:

"Gurudeva, voll Hoffnung kam ich zu Dir und möchte nicht enttäuscht wieder weggehen müssen",

lenkte Mahaprabhuji ein und meinte:

"Gut, führe deinen Bären Madhavananda vor."

Dann rief er mich. Ich wollte mich weigern, doch Mahaprabhuji befahl: "Setz dich und schau zu."

Da mußte ich gehorchen. Der Bärenführer begann mit dem Spiel. Er ließ den Bären die Bewegungen eines schleichenden Diebes, und darauf die einer tanzenden Braut, nachahmen. Eine ganze Stunde führte er all seine eingeübten Kunststücke vor und unternahm sein Bestes, uns zu unterhalten; dann verließ er den Ashram wieder, nachdem er den Lohn für seine Vorführung erhalten hatte.

Als das Spiel beendet war, stand ich auf, um mich wieder in mein Zimmer zu begeben, aber Mahaprabhuji hielt mich zurück:

"Sage mir, was du gesehen hast."

Ich antwortete verstimmt:

"Du hast das Spiel ja auch gesehen, was soll ich Dir also erzählen?"

Da hieß mich Mahaprabhuji, mich zu setzen und sprach zu mir:

"Nun hör zu. Ein Bär ist ein gefährliches, wildes Tier, aber der Bärenführer ist sein Guru. Er lehrte den Bären diese Kunststücke, indem er ihn hart trainierte und ihn wohl auch zuweilen strafte. Nur ein Guru ist fähig, die Fähigkeiten eines Schülers zu Tage zu bringen. Der Guru ermahnt, schilt und handelt manchmal hart. All das tut er aber nur im Interesse des Schülers. Deshalb sollte dieser gegenüber seinem Guru nie Ärger empfinden.

Ein Pferd kann keinen Preis erringen, wenn es nicht unter strengen Bedingungen ausgebildet worden ist. Gold, Silber oder Eisen wird nur dann den optimalen Preis erzielen, wenn es im Feuer erhitzt und mit dem Hammer bearbeitet wurde. Für Holz erhält man den höchsten Preis, wenn man es in Bretter geschnitten und zu Möbeln verarbeitet hat. Ton wird, vom Töpfer in einen Klumpen geschlagen, zu den verschiedensten Formen geformt und im Feuer gebrannt, erst dann erhält es seinen Wert. Krüge, die solcherart gefertigt werden, halten das Wasser kühl, so daß es alle erfreut, die daraus trinken. So formt auch der Guru den Schüler zu einem vollkommenen Gefäß, in das der Nektar des Wissens gegossen werden kann. Und die Methode, dieses Wunder zu vollbringen, kennt nur der Satguru."

Ich war von Mahaprabhujis kurzem Vortrag so beeindruckt, daß all meine negativen Gedanken verflogen, und bat ihn um Vergebung. Mahaprabhuji legte mir seine heilige Hand auf den Kopf und ich versank in Seligkeit.

 

 


 

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