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Jedes Lebewesen wünscht sich ein Heim

Noch von einer weiteren Lektion möchte ich berichten, die mir Mahaprabhuji erteilte.

In Indien, wo es das ganze Jahr über warm ist, besitzen viele Räume keine verglasten Fenster. Es gibt zwar Holzläden, mit denen man die Fenster verdunkeln kann, doch wenn sie geöffnet sind, ist der Raum für kleine Tiere und Insekten frei zugänglich. Wir leben also in engem Kontakt zur Natur.

In meinem Fall war es ein kleiner Spatz, der sich mein Zimmer auserkoren hatte, um darin sein Nest zu bauen. Jeden Tag räumte ich die Zweige weg, aber immer wieder brachte er neue herbei. Als Mahaprabhuji einmal mein Zimmer besuchte, entschuldigte ich mich vor ihm dafür:

"Dieser Vogel ist wirklich hartnäckig. Er gibt nicht auf, obwohl ich jeden Tag mein Zimmer von seinem Gestrüpp säubere."

Da antwortete Mahaprabhuji:

"Das ist doch ganz natürlich. Jedes Lebewesen sucht ein Heim, um sich dort niederzulassen und seine Jungen aufzuziehen."

In diesem Moment schoß eine Maus quer durch mein Zimmer - und es folgte der zweite Teil der Lektion. Verärgert meinte ich:

"Das wollte ich auch noch sagen: Diese Maus weckt mich in der Nacht durch ihr Nagen auf und raubt mir den Schlaf. Warum können diese Wesen nicht draußen bleiben, wo sie hingehören?"

"Du hast nicht mitbekommen, was ich eben erklärte", wies mich mein Meister zurecht. "Jede Kreatur sucht sich einen Ort, wo sie es gut hat - wo sie Futter, Wärme und Schutz findet. Auch du tust dasselbe - am liebsten begibst du dich dorthin, wo dir Freunde Essen und Nachtlager bieten. Du solltest es der Maus daher nicht verübeln, wenn auch sie auf ihre Behaglichkeit bedacht ist. Ebenso macht es ein Schüler, der zu seinem Meister kommt - so wie du zu mir gekommen bist: er geht dorthin, wo es seiner Seele wohl ergeht."

So belehrt Gurudeva uns milde mit jedem Wort, das er spricht.

 


 

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